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Foto: Lena Modrow

Wie alles begann

ein Text von Bastian Modrow

Unsere Inspiration

Kunst und Kultur sind Teil unserer Identität und der Kitt unserer Gesellschaft. Ihre Aufgabe ist es uns zum Nachdenken zu bewegen, uns zu unterhalten, in andere Welten einzutauchen. Als gemeinnütziger Verein zur Förderung von Kunst und Kultur schaffen wir Bewusstsein in der Bevölkerung und treten mit ihr in den Dialog über die Bedeutung und den Wert von Kunst und Kultur in unserer Gesellschaft.

Aktiv erhalten wir Kunst und Kultur mit unseren Veranstaltungen wie Konzerten, Ausstellungen oder Workshops und unterstützen Kulturschaffende bei der Entwicklung und Umsetzung eigener Projekte. Ein weites Netzwerk von Kreativen gibt uns die Möglichkeit Menschen mit der gleichen Vision zusammenzuführen, 

Ohne Kunst und Kultur wird‘s still. Ein Claim, ein Slogan – eine Botschaft, über die das ganze Land spricht. Die Plakate kennen Menschen in Lübeck, Hamburg, Stuttgart oder Wien. Der markante Schriftzug ist binnen weniger Monate zu einem Symbol geworden. Auf Hoodies, Shirts und sogar Masken gedruckt, wird es von unzähligen Unterstützern als Zeichen der Solidarität mit der unter der Corona-Pandemie besonders leidenden Kunst- und Kulturbranche in alle Welt getragen. Hinter der beispiellos erfolgreichen Kampagne steht ein kreatives Paar aus Schleswig-Holstein: Maria Paz Caraccioli Gutierrez und Martin Diesch.

 

„Die Idee kam uns während eines Österreich-Urlaubs: Wir lagen bei schönstem Wetter an einem Stausee unweit von Wien“, erinnert sich Maria. Das war im Mai 2020 - knapp zwei Monate, nachdem die Fallzahlen in Europa bedrohlich stiegen, die ersten Länder Lockdowns verhängt hatten. „Wir wussten, dass Corona größer werden würde als alles, was bislang da gewesen war“, berichtet Martin. Dass es nicht bei kurzfristigen Schließungen von Theatern und Kinos, Absagen von Konzerten und Veranstaltungen bleiben würde – die beiden wussten es. Instinktiv.

 

Beide stammen selbst aus der Kultur-Szene. Maria hat lange Jahre als Bookerin gearbeitet, ist heute im Musik-und-Kultur-Management tätig, Martin als Fotograf und Fine-Art-Printer. So sonnig und warm es an besagtem Frühsommer-Tag war, so düster waren die Szenarien, die sich die beiden ausmalten: „Wir sahen die Gefahren sehr konkret, die für die Veranstaltungs- und Kultur-Szene aufzogen – den Verlust beruflicher und individueller Existenzen in so vielen Branchen.“ Mehr noch: „Ohne Kunst und Kultur steht die Gesellschaft vor einer Zäsur, weil schlimmstenfalls nichts mehr übrig bleiben würde, worauf man sich freuen kann“, berichtet Martin. „Ob Ausstellung oder Popkonzert – unterm Strich ist jede Form von Kunst und Kultur ein sinnliches Erlebnis – ein Kurzurlaub vom Alltag, von dem man noch Jahre später zehren kann.“

 

Für Maria und Martin gab es im Mai 2020 keine zwei Meinungen – und es gibt sie heute noch immer nicht: „Kunst und Kultur sind humanrelevant. Sie sind der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält – und ohne beides droht geistige Armut.“ Umso mehr ärgert sie, welch‘ geringen Stellenwert Musiker und Bühnenbauer, Kabelträger und Toilettenfrau, Veranstaltungstechniker und Clubbetreiber in der Politik haben. „Hier wollten und wollen wir ein Statement setzen, die Ansporn und Motivation für die einen, Aufklärung und Denkanstoß für die anderen sein sollte“, sagt Maria.

 

Von der Idee zum Konzept – es entstand alles an diesem Mai-Nachmittag am Stausee: „Wir wollten die Menschen sichtbar machen, die sonst nicht sichtbar sind. Die Menschen, die im Verborgenen arbeiten – bei der Tournee, in der Kunsthalle, im Club.“ Eine bildhafte Sprache sollte es sein. Die Fotos sollten Stolz ausdrücken, Haltung generieren. „Wir wollten nicht anklagen, nicht politisch werden – unser Ziel war es, die Gesellschaft anzusprechen.“ Der ohnehin schon starke Name der Kampagne wurde von Marias Vater, einem bekannten Grafiker aus Wien, optisch noch zusätzlich verstärkt – durch das rot hervorgehobene „uns“ im Wort Kunst.

 

Im Rekordtempo von nur sechs Wochen erlangte die Kampagne das, was in der Werbebranche Marktreife genannt werden würde. Nur: Keine Agentur war jemals in das Projekt eingebunden, kein PR-Berater oder Marktforscher hatte Hand angelegt. „Es ist unser Projekt, unser Beitrag, etwas zu tun“, sagt der 40-Jährige. In seinem kleinen Atelier unter dem Dach des Altstadthauses inmitten der Lübecker City fotografierte Martin die ersten 18 Portraits für die Kampagne – „18 Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur, die stellvertretend für 18 Berufe stehen.“

 

 

Es war noch immer Sommer, als Maria und Martin „zur rechten Zeit auf die richtigen Leute“ stießen. „Wir wollten mit unserer Kampagne natürlich an die Öffentlichkeit und überlegten nun, wie wir das Geld für den Druck der Plakate und das Plakatieren in Lübeck zusammenbekommen würden – überhaupt: mit welchen Kosten wir zu rechnen hätten“, erinnert sich Maria. Sie hatte damals zum Telefon gegriffen, um bei WallDecaux, dem in Lübeck vertretenen Vermarkter für Außenwerbung, einen Kostenvoranschlag einzuholen. „Nach nur zwei Sätzen unterbrach mich die Mitarbeiterin und sagte, dass sie total begeistert von der Idee sei und dass das Unternehmen die Aktion unterstützen wolle.“ Auch die lokale Possehl-Stiftung förderte die Aktion. Nur wenige Wochen später hingen hunderte Plakate von „Ohne Kunst und Kultur wird‘s still“ an Litfaßsäulen, auf Plakatwänden und CityLights. Medial rührten die Lübecker Nachrichten die Werbetrommel für die Kampagne.

 

„Die Resonanz war überwältigend – erst in Lübeck, dann in Hamburg, Stuttgart und auch in meiner Heimatstadt Wien“, berichtet Maria. Martin schuf weitere unverwechselbare Portraits – „mit Stand heute sind es 65 Frauen und Männer, die mit ihrem Gesicht zeigen, wie vielfältig die Kunst- und Kulturlandschaft ist.“ Auf Social-Media-Kanälen wie Facebook oder Instagram schlug den beiden Kreativen eine Woge der Sympathie entgegen, dutzende Mails trudeln seither Tag für Tag im Postfach von Maria und Martin ein. „Es ist bewegend, wenn Kulturschaffende aus dem ganzen Land uns schreiben, wieviel Kraft sie aus der Kampagne ziehen und fragen, ob sie Plakate bekommen können oder mit unserem Schriftzug regional ein Zeichen setzen dürfen“, sagt Martin. Als Deutschland im Spätherbst angesichts erneut deutlich steigender Fallzahlen in einen zweiten Lockdown gehen musste, luden tausende Facebook-User den Banner von „Ohne Kunst und Kultur wird‘s still“ in ihren Profilen hoch. „Das war unfassbar, was da geschah.“

 

Heute, ein knappes Jahr nach dem Stausee-Nachmittag in der Nähe von Wien, ist „Ohne Kunst und Kultur wird‘s still“ wie ein Dach – „ein Dach, unter dem Kulturschaffende und Förderer zusammenkommen, miteinander in Dialog treten“. Stolz auf das Erreichte – ja, das sind die beiden. Nur: An die große Glocke hängen, wollen sie es nicht. Im Vordergrund zu stehen, das bereitet ihnen Unbehagen. „Es geht hier nicht um uns – es geht um andere.“ Und das treibt die beiden Kreativen an, weiterzumachen. Neue Ideen zu entwickeln und Projekte zu realisieren.

Angst vor geistiger Armut
Menschen sichtbar machen
Von der Idee zu einem bundesweitem Statement